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Rezension

[Rezension] Anna Lena Diel: Die Vollkommenen

Ansicht "Die Vollkommenen"

Anna Lena Diel: Die Vollkommenen
Format: Klappbroschur
Verlag: Anna Lena Diel
Erscheinungstermin: März 2022
Seiten: 368 Seiten

Inhalt

Deutschland in der nahen Zukunft. Designerbabys gehören mittlerweile zum Alltag. Eltern können jetzt über Geschlecht, Aussehen, Intelligenz und die körperliche Fitness ihrer Kinder bestimmen. Zumindest theoretisch.

Veit steht auf der Gewinnerseite des Lebens. Gerade hat er seinen Traumjob in einer Wunschkindpraxis erhalten und freut sich darauf, die Babys seiner zukünftigen Kunden zu designen. Genetikingenieure wie er sollen die Menschheit in eine glänzende Zukunft führen, in der Krankheiten und Leid der Vergangenheit angehören.

Philine hingegen zählt zu jenen Menschen, deren Eltern sich keine genetischen Verbesserungen für ihre Kinder leisten konnten. Als sie ein Schicksalsschlag ereilt, muss sie erneut feststellen, dass Leuten wie ihr die meisten Türen verschlossen bleiben. Ihre Wut über die Ungerechtigkeit dieser Gesellschaft wächst. Und auch Veit wird in Geschehnisse hineingezogen, die sein Weltbild ins Wanken bringen …

(Anna Lena Diel)

Meinung

Ich lese inzwischen immer öfter Bücher, die in der nahen Zukunft spielen und zum Beispiel technologische Fortschritte thematisieren, die auch ethische Fragen aufwerfen. Zuletzt konnte mich da Algorytmica sehr begeistern. Daher war ich sehr gespannt, als ich von Anna Lena Diels Buch „Die Vollkommenen“ erfuhr und wollte es unbedingt lesen.

Einstieg in „Die Vollkommenen“

Statt langen Vorreden steigen wir direkt in die Handlung ein. Solche Einstiege mag ich prinzipiell sehr gerne. Die meisten Informationen werden dann im Verlauf der Handlung an passenden Stellen eingewoben. So war es auch hier, was die Geschichte insgesamt sehr spannend macht, da man dauerhaft neugierig bleibt und mehr wissen möchte. Anna Lena Diel hat ein spannendes Thema gewählt, über das sich garantiert viele schon ihre Gedanken gemacht haben.

Ethische Fragen als zentrales Handlungselement

Wer stellt sich nicht die Frage, wie der eigene Nachwuchs aussehen könnte? Oder welche Eigenschaften das Kind bekommen wird? Und wer hat nicht schon mal gehofft, dass etwas ganze bestimmtes an das Baby vererbt wird? In „Die Vollkommenen“ ist das keine reine Theorie mehr. Stattdessen kümmern sich die Wunschkindpraxen jetzt vor allem darum, wie das Kind werden soll. Genetikingenieure wie Charakter Veit entwerfen sozusagen eine Blaupause von dem Nachwuchs, der von den Eltern abgenommen wird. Das wirft so viele ethische Fragen auf, dass man wahrscheinlich mehr als nur ein Buch darüber schreiben kann.

Genau das fand ich bei Anna Lena Diels Ansatz sehr gut. Sie konzentriert sich nicht allein auf technische und biologische Möglichkeiten. Sondern sie schreibt ihre Geschichte auf Basis der Fragestellungen. Was macht es aus unserer Gesellschaft, wenn wir selbst darüber entscheiden können, was und wie unser Nachwuchs wird? Und welche Nachteile ergeben sich für diejenigen, die nicht Teil davon sein können?

Verschiedene Sichten und gemischte Charaktere

Das Buch erzählt aus verschiedenen Sichtweisen, sodass wir den Fragen auf unterschiedliche Weise nachgehen können. Zu Beginn kommen Philine und Veit zum Sprechen. Aus ihrer Perspektive wird auch der größte Teil erzählt. Im späteren Verlauf kommen allerdings noch weitere Stimmen hinzu, die zum einen notwendig für die Handlung sind und zum anderen teilweise noch weitere Ansichten aufdecken.

Veit war mir dabei sehr sympathisch. Er lässt sich nicht komplett blenden und hinterfragt noch kritisch, was andere aus seiner Familie einfach angenommen haben. Zwar hat er mit Zweifeln zu kämpfen und fragt sich des Öfteren, ob er sich für den richtigen Weg entscheidet. Aber genau das macht ihm zu so einem tollen und spannenden Charakter.

Bei Philine sieht das hingegen etwas anders aus. War sie mir zu Anfang noch sympathisch, weil sie sich für ihre Mutter und ihre Schwestern eingesetzt hat, so wandelte sich das im Verlauf. Denn Philine entwickelt sich in eine Richtung, die ich so anfangs nicht vermutet hätte und die sehr polarisiert. Dadurch entfaltet sich „Die Vollkommenen“ schon fast in einen actionreichen Thriller, denn die Handlung spitzt sich immer weiter zu.

Keine eindeutige Lösung

Gerade das Ende lässt mich aber noch ein bisschen unzufrieden zurück. Es war erst ein rasanter Anstieg, der sich sozusagen zu einer Explosion gesteigert hat. Die kam zwar auch, aber mir hätten hinterher einfach so ein bis zwei Kapitel mehr gefallen, die ein Stück mehr Aufklärung in die ganze Thematik bringen. Prinzipiell vielleicht auch so gewollt, da es Möglichkeiten gibt, an die Geschichte anzuknüpfen. Wer weiß. Ich hatte hier einfach mit einem etwas anderen Ende gerechnet.

Da aber teilweise die Fragen nicht so einfach geklärt werden können, die im Buch besprochen werden, kann ich es auch verstehen, dass sich Anna Lena Diel hier eher dafür entschieden hat, sie weiterhin recht offen zu lassen, statt komplette Lösungsvorschläge in den Raum zu stellen. Es regt dadurch nur mehr zum eigenen Nachdenken an und bleibt länger im Gedächtnis.

Fazit

Insgesamt für mich ein gelungenes Buch zum Thema „genetisch editiertes Wunschkind“, das mich vor allem aufgrund der ethischen Fragestellen als zentrale These überzeugt hat. Man braucht keinen Abschluss in Biologie, um „Die Vollkommenen“ verstehen zu können. Stattdessen wirft man einen kritischen Blick auf die Gesellschaft und das Thema der genetischen Editierung. Eine Vision einer möglichen Zukunft und man darf sich selbst die Frage stellen, ob man Teil dieser Welt sein wollen würde.

Vielen Dank an Anna Lena Diel für die Bereitstellung des Exemplars.

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